Netzanschluss und Energieversorgung für E-LKW-Depots
Viele Unternehmen konzentrieren sich bei der Elektrifizierung ihrer Flotte zuerst auf die Ladestationen. In der Praxis zeigt sich jedoch: Nicht die Ladehardware ist der kritische Faktor, sondern die verfügbare Anschlussleistung.
Reicht der bestehende Netzanschluss aus? Muss ein neuer Transformator gebaut werden? Wie lassen sich hohe Leistungsspitzen vermeiden? Und wie wirken sich Stromkosten auf die Wirtschaftlichkeit aus?
Dieser Wissensartikel zeigt, welche Punkte bereits in einer frühen Projektphase berücksichtigt werden sollten und weshalb die frühzeitige Abstimmung mit dem Verteilnetzbetreiber entscheidend ist.
Kurzantwort für die Planung: Der Netzanschluss für Ladeinfrastruktur am Speditionsdepot sollte parallel zur Fahrzeug- und Standortplanung gestartet werden. Je nach benötigter Leistung, Trafostation und Mittelspannungsanschluss kann die Abstimmung mit dem Verteilnetzbetreiber mehrere Monate bis über ein Jahr dauern.
Wie viel Leistung benötigt ein Depot?
Die benötigte Anschlussleistung hängt nicht von der Anzahl Ladepunkte allein ab. Entscheidend ist, wie viele Fahrzeuge gleichzeitig laden und welche Leistung dabei tatsächlich benötigt wird.
Für eine erste Abschätzung werden berücksichtigt:
- Anzahl gleichzeitig ladender Fahrzeuge
- Ladeleistung pro Fahrzeug
- Gleichzeitigkeitsfaktor
- Reserve für zukünftige Erweiterungen
- bestehende Verbraucher im Betrieb
Ein Beispiel: 20 Ladepunkte mit je 250 Kilowatt und einem Gleichzeitigkeitsfaktor von 0,5 benötigen rund 2,5 Megawatt Anschlussleistung, zuzüglich der bestehenden Gebäudeleistung.
Für eine schnelle Orientierung helfen drei Szenarien:
- 10 E-LKW: Häufig steht die Pilotierung im Vordergrund. Der bestehende Anschluss kann ausreichen, wenn Ladefenster lang sind und Lastmanagement die Leistung verteilt.
- 30 E-LKW: Die Abendspitze wird relevant. Trafostation, Hauptverteilung und Lastmanagement müssen zusammen geplant werden.
- 50 E-LKW: Der Netzanschluss wird oft zum Hauptprojekt. Mittelspannungsanschluss, Transformator, Zuleitungen und Ausbaureserven sollten früh mit dem Verteilnetzbetreiber geklärt werden.
Der Netzanschluss ist oft der kritische Pfad
Viele Unternehmen unterschätzen, wie lange eine Netzverstärkung dauern kann. Je nach Region muss der Verteilnetzbetreiber prüfen:
- ob genügend Netzkapazität vorhanden ist
- ob Leitungen verstärkt werden müssen
- ob ein neuer Transformator erforderlich ist
- ob eine neue Mittelspannungserschliessung gebaut werden muss
Je früher diese Abklärungen starten, desto geringer ist das Risiko, dass die Fahrzeuge vor der ausgebauten Ladeinfrastruktur geliefert werden.
Typischer Ablauf beim Verteilnetzbetreiber
Der Prozess umfasst in der Regel mehrere Schritte:
- Anfrage beim Verteilnetzbetreiber
- Prüfung der Netzkapazität
- Offerte für den Netzanschluss
- Planung der Mittelspannungsanlage
- Bau oder Ausbau des Transformators
- Anschluss der Ladeinfrastruktur
Je nach Projekt können dafür mehrere Monate bis über ein Jahr erforderlich sein. Deshalb sollte der Netzanschluss nicht erst nach der Fahrzeugbestellung geprüft werden.
In der Schweiz ist der zuständige Verteilnetzbetreiber, kurz VNB, regional unterschiedlich. Für die Projektplanung ist deshalb nicht nur die gewünschte Ladeleistung relevant, sondern auch die lokale Netzsituation am Depotstandort.
Trafostation und Zuleitungen frühzeitig planen
Neben dem Netzanschluss gehören auch Infrastrukturarbeiten zum Projekt, die oft einen grossen Teil der Investitionskosten ausmachen:
- Mittelspannungsanschluss
- Trafostation
- Hauptverteilung
- Kabeltrassen
- Tiefbau
- Fundamentarbeiten
- Zuleitungen zu den Ladestationen
Diese Arbeiten verursachen häufig einen grösseren Anteil der Investitionskosten als die eigentlichen Ladestationen. Sie sollten deshalb früh in Planung, Budget und Zeitplan einbezogen werden.
Lastmanagement reduziert Leistungsspitzen
Nicht alle Fahrzeuge müssen gleichzeitig mit voller Leistung laden. Ein intelligentes Lastmanagement verteilt die verfügbare Leistung automatisch auf alle angeschlossenen Fahrzeuge.
Dadurch wird der Netzanschluss optimal genutzt, teure Leistungsspitzen werden vermieden und die Fahrzeuge sind trotzdem rechtzeitig geladen. Gerade im Depotbetrieb mit langen Standzeiten lässt sich die Ladeleistung gut über die Nacht verteilen.
Peak Shaving und Gleichzeitigkeitsfaktor
Ein wichtiger Planungswert ist der Gleichzeitigkeitsfaktor. Er beschreibt, wie viele Fahrzeuge tatsächlich gleichzeitig mit hoher Leistung laden.
In Speditionsdepots liegt dieser Faktor typischerweise zwischen 0,3 und 0,6. Dadurch muss der Netzanschluss deutlich kleiner dimensioniert werden, als wenn alle Ladepunkte gleichzeitig mit voller Leistung betrieben würden.
In Kombination mit Peak Shaving werden kurzzeitige Leistungsspitzen zusätzlich begrenzt. Das kann Netzkosten reduzieren und den Ausbau des Netzanschlusses wirtschaftlicher gestalten.
Energieversorgung als Teil des Business Case
Die Energieversorgung endet nicht beim Netzanschluss. Für E-LKW-Depots sind Strompreis, Leistungspreise, Lastspitzen und mögliche Eigenproduktion Teil der Gesamtrechnung.
Grossverbraucher können ihre Strombeschaffung über Marktkunden-Lösungen strukturieren. Ergänzend kann Solar Contracting helfen, lokal erzeugten Strom direkt am Depot zu nutzen.
Auch Contracting kann eine Rolle spielen, wenn Investitionen in Trafostation, Zuleitungen und Ladeinfrastruktur nicht vollständig über CAPEX getragen werden sollen. Wichtig ist, Vertragsmodell, Verantwortung für Netzanschluss und Betrieb sowie spätere Erweiterungen früh zu klären.
Fazit
Der Netzanschluss entscheidet oft über Terminplan, Investitionshöhe und Ausbaulogik eines E-LKW-Depots. Wer Anschlussleistung, Trafostation, Zuleitungen und Lastmanagement früh klärt, reduziert Projektrisiken deutlich. Die Ladehardware ist wichtig, aber ohne passende Energieversorgung bleibt sie nur ein Teil der Lösung.